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Die Lebensstufen - Roman

Die Lebensstufen edition unica
1. Ausgabe August 2007
ISBN 978-3-933287-76-2
Titel-Illustration von Anette Räpke
Preis: 9,90 EUR
www.edition-unica.de

Inhalt:
Monica, eine Frau Anfang dreißig, fürsorgliche Mutter und glücklich verheiratet. Sie liebt das Haus zwischen Rosenbeeten und Apfelbäumen, in dem sie alles für ihre Familie tut.

Ein Leben lang, hatte sie gedacht, würde das reichen, sie war sich so sicher. Doch dann kommt alles ganz anders.

Als ihre Kinder schon sehr gut auf ihren eigenen kleinen Beinen stehen können und sich beginnen von ihrer Mutter abzunabeln, versucht Monica wieder im Beruf Unterschlupf zu finden. Der Zeitpunkt, 3 Jahre nach der Wende, wäre ungünstig, sagt man ihr. Arbeitsplätze werden weiter abgebaut, Betriebe geschlossen und Mütter von kleinen Kindern sind nicht gern gesehen. Die Arbeitslosenzahl steigt.

Doch Monica gibt nicht auf, sie sucht und kämpft um Arbeit. Versucht es sogar im gehassten Außendienst der Versicherung, es geht schief. Als dann plötzlich Giovanni, ihre Jugendliebe vor ihr steht, beginnt ihr Leben völlig aus den Fugen zu geraten. Giovanni weckt ihre alte Leidenschaft, ein Hobby, dass sie als Kind und Jugendliche ausübte, für das im Alltag weder Raum noch Zeit blieb.

Monica kämpft mit ihren Gefühlen, doch sie schafft es nicht Ehemann, Jugendliebe, Kinder und die Kunst unter einen Hut zu bringen. Sie muss sich entscheiden.

Auszug:
Das Martinshorn schreit in die Nacht hinaus. Der Geschwindigkeitsmesser ringt mit den Ziffern auf den Hinweisschildern. Ein blasser Junge mit schmalen Schultern und langen dürren Händen tupft mir den Schweiß von der Stirn. Er stellt sich als Benno vor und redet ununterbrochen.

"Ist es schlimm?", fragt er mit angstvollem Blick. Seine blonde Igelfrisur gibt ihm ein kindliches Aussehen. Nach der nächsten Kurve sehe ich sein Gesicht nicht mehr, ich presse die Lippen zusammen denke nur noch an die Atemtechnik, aber ich entkomme dem Schmerz nicht. Als ich die Augen öffne, blendet mich grelles Licht. Türen fliegen an mir vorüber, dann zwei grüne Kittel. Automatisch antworte ich auf ihre Fragen, zwischen den Wehen, deren Abstände kürzer werden. Als die Fruchtblase platzt, bewegt sich die Frau im Kittel schneller, es könnte die Hebamme sein.

Zwanzig Minuten später schreit Tim.

Winzige Finger greifen ins Leere. Der suchende kleine Mund findet die Brust, dann schläft er wieder. Trotz Erschöpfung kann ich nicht einschlafen. Fragen quälen mich. War es ein Fehler? Hätte ich meinen Willen durchsetzen sollen? Ich bin doch immer so stark und stehe mit zwei Beinen im Leben und über den Dingen. Dachte ich.

Franz steht an diesem kalten Novembermorgen vor dem Krankenhaus.

Alexander und Fabian weichen ihrem Vater nicht von der Seite. Einzelne Kastanienblätter halten sich noch an den Ästen fest. Die Birken auf der anderen Seite haben ihr gelbes Kleid angezogen. Ich vergleiche die riesige Eiche am Ende des Parkplatzes mit einer Mischpalette. Das Spektrum der Farbtöne reicht von grasgrün über purpurrot zu dunkelbraun. Meine Halbschuhe können die kalten Füße nicht wärmen. Kälte strömt durch jedes Knopfloch meiner viel zu dünnen Sommerjacke. Fabian kommt langsam auf mich zu, drückt mich und streichelt vorsichtig die Wange seines winzigen Bruders:

"Wann kann der mit mir Fußball spielen?"

"Er heißt Tim, und zuerst muss er wohl noch ein bisschen wachsen, ehe er mit dir Fußball spielen kann", antworte ich Fabian und muss lächeln.

"Mutti, ich habe eine Eins in Mathematik bekommen!"

Lobend drücke ich meinen Sohn und erzähle ihm, dass ich ebenfalls meine erste Eins im Fach Rechnen bekam.

"War das dein Lieblingsfach?", fragt mich Fabian.

"Nein, ich malte lieber."

Franz küsst mich und nimmt mir den Kleinen aus dem Arm.

"Guten Tag, mein Großer! Willst du deinen Bruder nicht begrüßen?", frage ich Alexander. Als ich versuche, ihn zu umarmen, weicht er zurück und schaut mich erschrocken mit seinen dunkelbraunen Augen an. Wie ein aufgescheuchtes Tier flieht er in den PKW und sitzt kurze Zeit später steif auf dem Rücksitz. Ich schiebe mich ebenfalls auf die Rückbank. Franz gibt mir das Baby.

Der Trabant setzt sich in Bewegung.

"Übrigens, ich habe die Abmeldung deines Zeichenlehrganges in die Wege geleitet."

"Wie bitte? Dazu hast du kein Recht."

"Aber Monica, ich dachte, weil Tim fünf Wochen zu früh kam -"

"Das Nachdenken über meine Angelegenheiten solltest du nach wie vor mir überlassen", falle ich meinem Mann bissig ins Wort, dann ist unser Gespräch beendet.

Ja nicht weinen, denke ich. Stark bleiben. Dieses Mal werde ich es ihm zeigen, ganz bestimmt.

Nach einer halben Stunde Funkstille stimmt Franz ein Lied an, obwohl er nicht singen kann. Fabian schreit mit. Alsbald fällt auch Alexander mit seiner hellen Stimme ein. Erleichtert atme ich auf, als der Trabant endlich auf unser Grundstück fährt.

Beim Betreten unseres Hauses lacht mich ein bunter Clown mit einem kurzen und einem langen Bein an. Stolz erklärt Fabian: "Mami, den hab ich ganz allein gemalt, nur beim Aufkleben hat mir Papa geholfen." Jetzt steht der lustige kleine Kerl vor einem Stapel Bücher, um nicht zu fallen. Ich lese die Titel "Marxismus - Leninismus" und "Manifest der Kommunistischen Partei", Staatsbürgerkunde Klasse zehn.

Wie lange wird das Gespenst noch in Europa umgehen?

Wann werden sich die Proletarier in allen Ländern befreit haben?

Was werden sie tun mit ihrer Freiheit?

Was ist überhaupt Freiheit?


 Autorin Ilona R. Mayer
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